Liebe FreundInnen, GenossInnen, KollegInnen, Brüder und Schwester,
Seit 2012 wird in vielen Ländern der Welt der Internationale Tag für Geistesfreiheit begangen. Beim 2012er Kongress der Internationalen Vereinigung für Geistesfreiheit (IAFT) in Mar del Plata, Argentinien, wurde beschlossen, den 20. September zum Internationalen Tag für Geistesfreiheit auf allen Kontinenten zu machen, in Anlehnung an den 20. September 1870, dem Tag, an dem Garibaldis Truppen in Rom einmarschierten und den Kirchenstaat beendeten, was “den endgültigen Fall der weltlichen Macht des Papstes” bedeutete.
Dieses Datum, der 20. September, liegt uns sehr am Herzen. Jedes Jahr bekräftigen wir an diesem Tag die Gewissensfreiheit, die Trennung von staatlichen und kirchlichen Angelegenheiten und das Recht jedes Menschen, selbstständig und gegen alle Dogmen zu denken.
Am 20. September wollen wir Nein zu sagen, aber auch ein Versprechen zum Ausdruck bringen. Denn uns wird gesagt, dass Religion Liebe sei, dass sie Frieden, Mitgefühl, Moral, Führung für die Seele und Verbindung zwischen den Menschen sei. Sie soll erziehen, trösten und vereinen. Aber das ist eine Lüge! Denn unter dem Gewand der Tugend wird die Religion immer zum Joch, zur hierarchischen, autoritären Macht. Sie zielt darauf ab, Menschen unter die heiligen Bücher und andere offenbarten Wahrheiten zu unterwerfen, ob sie Bibel, Koran oder wie auch immer heißen.

Die Religion schürt nicht die Liebe, sondern die Angst. Sie fördert nicht die Moral, sondern Schuld, Verbot, Omertà und Bestrafung. Sie lehrt nicht Emanzipation oder kritisches Denken, sondern Unterwerfung. Sie führt die Völker nicht zusammen, sondern spaltet sie durch Dogma, Ritus, religiöses Gesetz, Kastenwesen und Reinheitswahn.
Religionen geben vor, der Weg zu Gott zu sein. In Wirklichkeit sind sie das Hindernis, das zwischen den Menschen und ihrer eigenen Freiheit errichtet wird. Sie sind die Verbündeten der Tyrannei, des Imperialismus, der Kriege, der Gewalt gegen Geist und Körper. Sie legen Ketten an, verstümmeln, verbergen und verleugnen. Während Freigeistige und HumanistInnen die Vernunft und die kritische Erkenntnis feiern, heiligen sie die Unwissenheit und den Glauben.
Die Geistesfreiheit kennt keine Propheten, sie kennt nur denkende Menschen.
Dieses Jahr wollen wir diesen Tag unter dem Zeichen der Gerechtigkeit für die Opfer von kirchlichen Verbrechen begehen. Weder kanonisches Recht, noch Scharia, noch Halacha, noch Dharmaśāstra : Wir kenn nur ein einziges Recht, das menschliche Recht.
Es wurden so viele Verbrechen in Kutten, Turban oder Djellaba von diesen Geistlichen begangen, die immer als asketische Besserwisser posieren! Wie viele Leben wurden gebrochen, wie viele Schweigen aufgezwungen, wie viele Wahrheiten durch die Komplizenschaft der Staaten und die Feigheit der Eliten erstickt!
➡ Millionen Kinder sind der sexualisierten Gewalt der Mitglieder des katholischen Klerus zum Opfer gefallen. Hunderte katholische Internate waren Schauplatz systemischen Missbrauchs. Bis heute sind diese Verbrechen vor der menschlichen Justiz kaum gesühnt. Im angeblich laizistischen Frankreich hat der Fall um die Schule Notre-Dame de Bétharram gezeigt, dass kirchliche Delikte und Verbrechen von den höchsten staatlichen Ebenen gedeckt wurden.
➡ In den USA wurden Tausende von Kindern in ultraorthodoxen Yeshivot missbraucht, die durch das Gesetz des Clans zum Schweigen gebracht wurden.
➡ In mehreren muslimischen Ländern wurden Kinder in Koranschulen, Madrasas, unter dem Vorwand der religiösen Erziehung geschlagen oder vergewaltigt.
➡ In hinduistischen Ashram-Tempeln entpuppten sich viele verehrte Gurus als Vergewaltiger und Raubtiere.
➡ Einflussreiche buddhistische Mönche wurden in tibetischen Gemeinden sexueller Übergriffe beschuldigt, und konnten sich jahrelang einer Strafe entziehen.
Für alle Konfessionen und Kirchen ist die Strafe die Ausnahme und das Schweigen der Behörden, die Regel. Die Angst vor einem Skandal deckt sie, manchmal ist der Staat sogar ein aktiver Komplize.
➡ In Irland bleiben die Massengräber von Tuam ungesühnt. In der katholischen Kirche hat Kardinal Barbarin, dem nachgewiesen wurde, dass er Verbrechen vertuscht und Sexualtäter wissentlich geschützt hatte, dank der Verjährung keine Strafe verbüßt. Der Vatikan weigert sich, seine Archive zu öffnen.
➡ In chassidischen Kreisen werden Fälle in Israel wie auch in den USA totgeschwiegen.
➡ Im Islam wird der Missbrauch in den Madrasas ignoriert und in Ägypten “im Namen der Ehre” ad Acta gelegt.
➡ Im Hinduismus genossen Gurus wie Asaram Bapu jahrelang politische Protektion.
➡ Im Buddhismus decken die spirituellen Autoritäten selbst den Missbrauch unter dem Firnis der Losgelöstheit und des Schweigens.
Es ist überall das gleiche Muster: Schweigen, Immunität, Unsichtbarmachung der Opfer. Das ist die weltweite geistige Omertà.
Heute, am 20. September, dem internationalen Tag des Freidenkertums, fordern wir keine Gebete für die Opfer : Wir fordern Gerechtigkeit.
Deshalb fordern wir die Öffnung der Archive, die Abschaffung der Konkordate und das Ende der öffentlichen Finanzierung der Religionen.

Der IX. Kongress der Internationalen Freidenker-Vereinigung, der am 10. und 11. Oktober 2025 in Grenoble/Lyon in Frankreich stattfinden wird, wird folgende Themen behandeln :
● Der Kampf für Gerechtigkeit für alle Opfer der Kirchen, der in Lyon mit einer gemeinsamen Konferenz der französischen Freidenkervereinigung mit den Opferverbänden des katholischen Klerus abgeschlossen wird.
● Die praktische Umsetzung der internationalen Solidarität unter Konfessionsfreien, HumanistInnen und Freigeistigen und Religionsverfolgten.
● Der internationale Kampf für die Trennung von Kirche und Staat auf allen Kontinenten und in allen Ländern.
Wir rufen Sie dazu auf, zahlreich zu erscheinen und sich unter :
Diese unruhige Welt riecht nach Pulver.
Überall braust der Krieg. Im Nahen Osten kennt der Horror keine Grenzen mehr, der Gaza-Streifen versinkt im Völkermord und die angeblich zivilisierte Großmächte schauen nur zu. Die Verbrechen des religiösen Nationalismus, einschließlich des zionistischen Chauvinismus, werden nicht aus dem universellen Gewissen verschwinden. Früher oder später werden alle Täter ihre Verbrechen gegen die Menschheit oder ihre Komplizenschaft vor Gericht verantworten müssen.
Und während die Völker leiden, während im Namen des Profits oder der Kolonialisierung getötet wird, während das Leben eine Ware geworden ist, finden die Staaten die Zeit, die öffentlichen Bildungsinstitutionen anzugreifen und sie finden das Geld, um die den Dogmen unterworfenen Lehrangebote und Schulen weiterhin mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren.

Viele Regierungen und Staaten paktieren und lassen den anerkannten und nicht anerkannten Religionen freien Lauf, obwohl sie durch die Verteidigung der Gewissensfreiheit und die Wahrung der staatlichen Neutralität ein Werk des Friedens leisten sollten.
Wir Freigeistigen rufen zum Widerstand und zur Aktion auf!
Wir, die Erben von Protagoras, Rousseau, Jaurès und Diderot, sagen: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge.”
● Wie Rousseau sagen wir, dass “der Mensch frei geboren ist“, prangern aber an, dass “er überall in Fesseln liegt” – und wir wollen diese von Dogmen und Herrschaften geschmiedeten Fesseln zerbrechen.
● Mit Diderot erinnern wir kühl daran: “Der Glaube besteht darin, dass man glaubt, was die Vernunft nicht glaubt.“ Und deshalb ziehen wir Klarheit der Verblendung vor, Wissenschaft dem Glauben, menschliche Gerechtigkeit der übernatürlichen Unterwerfung.
● Und wir machen uns den Ausruf von Jean Jaurès zu eigen: “Mut ist, die Wahrheit zu suchen und sie zu sagen“, selbst wenn sie Throne, Altäre oder Staaten stört.
Wir bekräftigen, dass keine freie Gesellschaft ohne Gewissensfreiheit existieren kann. Keine würdige Demokratie sollte die Privilegien von Kulten tolerieren. Kein wahrhaft säkularer Staat sollte zulassen, dass Geistliche in Schulen, Krankenhäusern oder Gerichten ihre Gesetze diktieren.
Wir sind die Erben eines jahrhundertealten Kampfes gegen Unterdrückung und für Freiheit.
● Anlässlich des 120. Jahrestags des französischen Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat erklären wir:
● Wir fordern die vollständige Trennung von Kirche und Staat!
● Wir bekräftigen laut und deutlich: Unsere Intelligenz genügt uns. Unser Gewissen leitet uns. Unsere Menschlichkeit ist unsere einzige Richtschnur. Wir wollen als freie Wesen in einer freien Gesellschaft leben.
Am 6. Dezember 2025 um 14 Uhr findet im Gymnase Japy in Paris XIe eine große nationale und internationale einheitliche laizistische Versammlung statt, um den 120. Jahrestag des Gesetzes vom 9. Dezember 1905 zu feiern, das 1904 auf dem Weltkongress der Freidenker in Rom ausgearbeitet wurde, und vor allem, um es zu verteidigen, da es von allen Seiten bedroht ist.

Wir rufen Sie dazu auf, zahlreich an dieser wahrhaft laizistischen Aktion mit der Libre Pensée und den historischen laizistischen Vereinigungen teilzunehmen, die das Gesetz von 1905 geschaffen haben und es jeden Tag verteidigen.
Heute, am 20. September 2025, den Internationalen Tag für Geistesfreiheit zu begehen, ist ein Akt des Widerstands :
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Widerstand gegen den Obskurantismus.
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Widerstand gegen die Barbarei.
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Ein Aufstand für Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit.
Dann sagen wir:
Es lebe die Geistesfreiheit! Es lebe die Trennung von Staat und Kirchen !
Es lebe die Universelle Gewissensfreiheit!
(vorbereitet von José Arias, Mitglied des Internationalen Rates der IALP)